ANDERS LEBEN

ALLES PATCHWORK ODER WAS?

Idee + Texte: Dr. Monika Eichenauer

Patchwork ist nichts, was man sich aussucht. Man nimmt, was da ist, kombiniert, gestaltet, formt und fügt zusammen. Patchwork bedeutet, mit vorher nicht gesehenen oder gedachten Situationen klarzukommen, Konflikte aus der Welt zu schaffen und Probleme zu lösen. Patchwork bedeutet, sich für Patchwork entscheiden zu können, weil Patchwork in der Gesellschaft inzwischen etabliert ist. Patchwork bedeutet, Möglichkeiten geboten zu bekommen, an die man im Traum nicht gedacht hätte...

Lösungen werden durch das eigene Leben, durch Entscheidungen und Ideen meisterhaft gewebt gleich kostbaren Teppichen. Dies sind die wahren Doktorarbeiten unserer Zeit, die wir erkennen und würdigen möchten! Diese Arbeiten werden nicht an der Uni geschrieben, sondern am Herd und in der Küche, und zwar für unsere Lieben. Für sie würden wir alles geben, damit sie glücklich werden.

DAS IST UNSER HERZ - ALS MENSCH.

Patchwork ist wie ein Sack voller unterschiedlicher Stoffe und Muster, die mit unterschiedlichen Zwirnen und Wollfäden zusammengenäht sind. So müssen bisweilen Werte und Leben neu zusammengesetzt werden. Altes wird aufgegeben, Neues erhält einen Platz und Leib und Seele werden auf neue Art und Weise zusammengehalten. Kurz: Patchwork ist nichts für Feiglinge. Es fordert und ergreift den ganzen Menschen. Und zwar fast immer ungefragt. Oder? Patchwork ist nichts Neues. Menschen haben aus sehr unterschiedlichen Gründen SCHON IMMER – Verzeihung, so absolut sagt MANN das ja nicht –TEILE IN IHR LEBEN eingefügt, die nicht passten. Nach dem Motto: Was nicht passt, wird passend gemacht. Oder, etwa nicht?  Patchwork ist Betrauertes, ist Schmerz und Leid, das in neuem Leben frisch geheilt erblüht und dem Leben wieder Sinn verleiht. Patchwork ist Stil, Style, ja, Kunst geworden, dessen Methode und Techniken sogar Wissenschaft kreieren. Die Wandlung ist vollkommen, niemals abgeschlossen und in allen Stufen und Phasen im Alltag auffindbar: Die Patchwork Metamorphose ist in allen Facetten allgegenwärtig.  Patchwork ist der tiefere Sinn, der im Integrationsgedanken unbenannt aufscheint. Die kleine, helle Sonne, die alles wachsen und gedeihen lässt. Wir geben diesen Gedanken rund um die Welt seit Jahrtausenden nicht auf. Im Gegenteil! In größtem Leid und Schmerz und vielen Toten graben wir weiter, bis wir wieder Boden unter den Füßen haben. Boden, der gegenwärtig von vielen Menschen aus politischen Gründen, ökonomischer Not und seelischer Grausamkeit verlassen wird, um ihr Leben zu retten. Denn auf diesem Boden werden sie gedemütigt, verfolgt, geschändet und geschädigt. Auch Kinder. All diese Menschen wollen ein Leben. Sie flüchten mit allem, was sie haben. Sie fügen – wenn sie Glück haben - ihr Leben in der Fremde wieder zusammen, gemeinsam mit ihren Ehemännern, Ehefrauen, Kindern und Eltern. Es wird in der Regel nie jemand vergessen. Man will seine Leute und seine sieben Sachen bei sich haben.  Und geht das nicht, wird Geld geschickt und Liebe in Briefchen.


INTEGRATION IST PATCHWORK.


Patchwork heißt, es trotzdem zu schaffen, Neues zu schaffen – etwas zuvor nie Dagewesenes. Es ist der offenbar ewige Kreislauf, die Metamorphose, die uns alles nimmt und zugleich alles zurückgibt, wenn wir begreifen, dass wir mal wieder zusammenflicken, heilen, kämpfen und verhandeln müssen. Egal, wo wir gerade so sind. Griechenland kämpft. Varoufakis begegnet dem niederländischen Finanzminister und Euro-Chef Jeroen Dijsselbloem auf Augenhöhe und muss sich dessen gekreuzte Finger anschauen, die Kinder immer hinter den Rücken halten, wenn sie gefragt werden, wie denn etwas war! Sie versuchen, ihre Lüge im Geheimen aufzuheben, ungeschehen zu machen. Es gibt immer Mittel und Wege, um mit reinem Gewissen ans Ziel zu kommen. Wie wurden die Hippies in den siebziger Jahren fertiggemacht von den damals Bürgerlichen und von den eigenen Eltern.


WIR DURFTEN SO NICHT SEIN. ODER?


Heute, im Jahr 2015, findet sich bei Dries Van Notens eine Modeserie, die kunterbunt all das miteinander kombiniert, was damals verlacht wurde. In meiner Kindheit wurde gesagt: „Du kannst doch nicht Blau und Rot zusammentragen! Zieh’ das sofort aus! Es muss alles Ton in Ton sein. (Am besten, beige! Ha, ha.) Du bist doch kein Pollacke!“ So tönten die deutschen Mütter, die es gerade nötig hatten – mussten sie doch nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg ihre psychisch und seelisch alleingelassenen Männer wieder aufpäppeln. Es gab keine Psychotherapie für im Krieg geschädigte Menschen. Vergewaltigte Frauen schämten sich und schwiegen, wie man inzwischen weiß. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg wurde dies gesetzlich verankert: Es gab Rente auf Angst, Trauma, Panik und langfristig auf Depressionen aller Couleur. Psychotherapie war etwas für Idioten! Und ein Idiot wollte ja niemand sein. Heute ist das anders: Da hat selbst die Bundeswehr Psychotherapeuten, die die aus Afghanistan zurückkehrenden Soldaten betreut und – wenn es sein muss – berentet. International gefeierte Verliererinnen und Verlierer, in Lumpen gekleidet, wollten ein paar Jahre später wie aus dem Ei gepellt als glänzende Exemplare der menschlichen Spezies auferstehen und ihre Scham unsichtbar unter Beige verstecken. Aber das kennen wir: Wir machen uns lustig, zeigen uns überheblich und plötzlich wendet sich das Blatt: Entweder sind wir dann die Gelackmeierten oder aber diejenigen, die das Beste aus der schlechten Situation machen. Und wir haben dennoch das Beste aus der schlechten Ausgangslage gemacht. Wir schauen ja jeden Tag darauf. Und über die gegenwärtig verarmende Bevölkerung, hinweg. Da braucht es wieder einen Patchworkfaden. Aber nicht die deutsche Art der Bewältigung: Verleugnung. Bitte nicht. Und auch nicht ein „Schön, dass wir darüber gesprochen haben!“ Dann doch lieber Patchwork. Oder?


UND, AM LIEBSTEN FREIWILLIG.


Verdienen wir an der Auflösung der Kulturen nicht nur Geld, könnte man wünschen und gerät in Konkurrenz zum wichtigsten Prinzip in der Welt: Zum Geldprinzip. Seien wir für Menschen da. Auch in unseren Gedanken. So, wie hier, jetzt an diesem Ort! Neven Subotic bemüht sich – wie viele andere auch – um Menschen. Um Leben. Er sorgt sich um Wasser, eine der wichtigsten Voraussetzungen für Leben. Ein Einweihungsritus bei den Aborigines, Wasser zu finden. Neven Subotic kommt bei uns in dieser Ausgabe zu Wort. Er wird uns erzählen, was er heute für wichtig hält. Vor allen Dingen aber, was er dafür tut! Gegenwärtig lässt er T-Shirts nähen, auf denen Wassertropfen prangen. Für Äthiopien. Niemand hat einen Grund, über Patchwork, egal in welcher Form oder Hinsicht, die Nase zu rümpfen, genauso wenig über Menschen, die flüchten und aus großer Not zu uns kommen! Dürfen wir uns – Mitleid im Blick – überheblich gebärden, nur weil wir gerade mal eine Decke aus einem Stück unser Eigen nennen? Jeder Mensch ist Patchwork, ist das Resultat von männlichen und weiblichen Genen, von Vater und Mutter. Das bleibt auch so, wenn es keine künstliche Befruchtung gab.


DIE ZELLE IST ENTSCHEIDEND.


Die kleinste soziale Zelle besteht aus Mann und Frau, die eine Familie gründen. Auch, wenn sie sich wieder scheiden lassen: der Zellkern bleibt. Da kommt dann plötzlich die Oma aus Ihrem Sohn und der Onkel aus der Tochter! Eine Entwicklung, mit der Sie nie gerechnet hätten! Auch über die Menschheit als Ganzes lässt sich sagen: Wir Menschen sind Patchwork, aus unterschiedlichen ethnischen Stoffen gewebt wie bunte Kleider, die auf spezielle Art und Weise gewebt wurden. Wir sind verschieden, verschieden wie die Muster auf Tassen, Tellern oder Vasen, und doch leben wir bunt zusammengewürfelt miteinander und bilden eine Einheit als Volksgruppe, wie Stühle, die an einem langen Tisch nebeneinandergestellt wurden. Wie schaffen wir das? Was verbindet uns miteinander? Weltweit haben wir Menschen es mit einem kleinen Teil der Mathematik zu tun: mit dem kleinsten gemeinamen Nenner. Und der kleinste gemeinsame Nenner ist für uns Menschen – der Mensch! Der Mensch mit seinem Bestreben, leben zu wollen, unter allen Umständen. Der Mensch mit seinem Bedürfnis, andere Menschen retten zu wollen, die in Not sind. Und, wie reagieren wir? „Ach, wie schön! Schau mal, diese Tassen und Teller möchte ich morgens auch auf dem Frühstückstisch stehen haben!“, „Oh, das Kleid möchte ich haben!“, „Wow! Das Auto! Das ist ja geil!“. Genau. Das sind wir! Da sind wir ganz groß! Und vor allen Dingen, stark! Die Wünscher, Bastler, Verwerter und Pioniere. Natürlich, das Gleiche trifft auf die weibliche Form Mensch zu. Die andere Hälfte des Himmels, das sind ja wir Frauen. Nur, dieser Himmel sieht dann doch entschieden anders aus, als der der Männer.

Es gibt also noch viel zu tun, obgleich schon ein bisschen passiert ist. Und je länger es dauert, bis Frauen endlich auch die Anerkennung, den Lohn und das Honorar und dieselben Rechte haben wie Männer, und zwar für all’ die Patchwork Arbeit, die sie seit Jahrtausenden als Klebstoff zwischen Kriegen und Ländern in Familien oder anderen Beziehungsstrukturen leisten, desto lächerlicher wird die Verweigerung, der Männer, ihnen nicht zu geben, was ihnen schon immer zugestanden hat und zusteht. Und, egal, was ist, sie, die Frauen, schaffen es trotzdem. Und wenn es heißt, Steine schleppen und Stein auf Stein neu zu bauen, ist auch egal. Sie taten es und tun es. Weil, sonst tut es ja niemand. Das wissen wir auch. Wir schaffen es trotzdem. Resilienz, das sagt uns etwas. Und wir werden es wieder schaffen und mit den unzähligen Problemen fertig werden, selbst dann, wenn wir etwas aufgeben müssten dafür.....
Die alte Welt. Alte Werte? Patchwork bringt Fortschritt! Eben! Patchwork Life! Das bleibt!

COCO & CO

WO DEN FUSS DU HINSETZST, SEELE MEIN....

Gabrielle ‚Coco‘ Chanel in 1910 | Foto: © dpa

Sie (Coco Chanel) orientierte sich in der Mode auf wundersame Art und Weise an Regeln, die bisher nur Malern, Musikern und Poeten von Wert zu sein schienen.“

Jean Cocteau

Frauen, die zu Weltruhm gelangten haben oftmals Weibliches, etwas anerkannt Typisches, so will ich es mal nennen, in die Welt getragen, etwas von Frauen für Frauen und Kinder.

Die faszinierenden Lebensgeschichten dieser Frauen reißen uns auch heute noch vom Hocker, seien sie verfilmt, erzählt oder einfach sichtbar in Form der Label und Produkte. Die eine lernt von der anderen. Die wichtigste Wurzel war und ist immer Vertrauen, aber noch viel öfter, Not.

Schauen wir auf Coco Chanel, die Mode für Frauen weiblichen Bedürfnissen anpasste, luftige Hosen nähte, aber auch das erotische kleine Schwarze kreierte, den kurzen Haarschnitt entwickelte, den sie kurzerhand und vereinfacht Pagenkopf benannte. Coco sorgte für Bequemlichkeit, schick und Stil für Frauen. Wundervolle Parfüms, die bis heute unbestritten als Favoriten, wie Chanel N° 5, das nur wenigen Frauen nicht bekannt sein dürfte und bei vielen in Eintracht mit anderen Parfüms im Bad stehen, sind rund um die Welt zu erwerben. Hildegard Knef, die Kriegsgeschichte und Bevölkerungsblödheit in Form bürgerlicher Projektionen und Vorurteile in der Nachkriegszeit und Pornografiegelüste der Regisseure verkraften musste und sich von Männern nichts bieten lassen wollte. Die Fähigkeiten, die die Frauen besaßen, halfen ihnen, gegen alle soziale Unbill vorzugehen und trotz fehlender Gesetze ihre Interessen dennoch in Geschäft umzusetzen. So, wie die nachfolgenden Damen aus ihrem unmittelbaren Lebenszusammenhang, dem damaligen weiblichen Lebensvollzugs, dennoch Fortschritte schufen: Henriette Davidis entwickelte die Vision eines Kochbuches. Damit veränderte sie das kulinarische Selbstverständnis ihrer Zeit. Sie sammelte Rezepte aus aller Welt, auch aus deutschen Regionen. 1844 bringt sie das „Praktische Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche“ als erste deutsche Kochbuchautorin auf den Markt. Sie half der gesamten Frauenwelt, ihre Möglichkeiten zu verwirklichen, indem sie half, weibliche Fähigkeit zu entdecken, ja, wahrzunehmen und zu benennen. Auf der einen Seite hob Davidis so die Rolle der Frau als Hausfrau, Mutter und Ehefrau zum Ideal empor – 1841 übernahm sie die Leitung der Mädchenarbeitsschule zu Sprockhövel und brachte den Mädchen bei, was hauswirtschaftliche Vollkommenheit ausmachte – auf der anderen Seite setzte sie ganz klar Ideen der frühen Frauenbewegung in die Tat um, die uns heute längst bekannt sind: Berufsausbildung für Mädchen. Diese Berufstätigkeit als Pendant zur ausschließlichen Absicherung durch den Mann brachte ihnen die Unabhängigkeit und sicherte ihnen sozial anerkannte Lebensmöglichkeiten auch außerhalb von Ehe und Familie. Eine andere Art von Genuss bietet uns bis heute die schwedische Kinderbuch Autorin Astrid Lindgren. Pippi ist das freche Mädchen mit abstehenden Zöpfen, das sie schuf. Groß wollte Pippi nie werden, nun feiert sie dieses Jahr ihren 70. Geburtstag – ja, vor 70 Jahren erschien „Pippi Långstrump“ in Schweden. Männer fingen im Gebiet der Frauen an, aktiv zu werden: Landauer, ein Textilunternehmer, entwickelte den BH. 1913 wurde der erste seriell gefertigte Büstenhalter patentiert und ist seitdem unentbehrlich. „Anovlar“ – klein, und in Handtaschen oder im Bad vergraben, sorgte für eine sexuelle Neuordnung und wiederum für Unabhängigkeit der Frauen von Männern auch in Hinsicht ihrer sexuellen Bedürfnisse. Die Firma Schering verkaufte sie ab 1961 in Deutschland. Die gesundheitlichen Schäden wurden weniger in der Öffentlichkeit verbreitet. Die Öffentlichkeit kam erst, als Frauen starben oder schwer erkrankten. Das Markenzeichen Contergan sorgt bis heute für Rechtsstreitigkeiten, weil dieses Schlafmittel zu massiven, nicht reversiblen Schäden an Embryonen führte. Das Leid der Betroffenen dauert an. Adolf Winkelmann verdanken wir einen entsprechenden Film über diese Vorgänge und Entwicklungen in Deutschland.

Margarete Steiff in ihrer Werkstatt  |  Foto © dpa

Henriette Davidis  |  Foto © dpa

Pipi Langstrumpf by Astrid Lindgren  |  Foto © dpa

Alice Schwarzer  |  Foto © dpa

Hanna Arendt  |  Foto © dpa

Ja, Frauen sollten mehr Rechte, mehr Freiheiten bekommen, aber auch zu Wort kommen: 1977 brachte Alice Schwarzer, die sich als Feministin der Frauenbewegung versteht, als Verlegerin und Chefredakteurin erstmals die Zeitschrift EMMA heraus. Ballführung: 1995 wird Hannelore Ratzeburg als erste Frau in den DFB-Vorstand gewählt. Seit 2007 ist sie DFB-Vizepräsidentin für Frauen- und Mädchenfußball. Viel mehr noch: 2003 gewann die deutsche Frauenfußballmannschaft die WM und sorgte für ein Freudenfest. Frauen sind nicht auf den Mund gefallen, was sich auch wissenschaftlich bei Untersuchungen geschlechtsspezifischer Entwicklungen bei Mädchen und Junge schon vor Jahren zeigte, und sie nicht nur sprechen können, sondern auch wissen, was sie wollen, lernt die Männerwelt auch in den späten 90er Jahren nun im neuen Nummer 1 Serien-Programm der Frauen kennen: 2001 wurde in Deutschland erstmals die amerikanische Frauenserie „Sex and the City“ ausgestrahlt und zur ultimativen Kultserie für Frauen. Erstmalig werden hier ohne Scheu und Blatt vor dem Mund Beziehungen und insbesondere Sexualität offen thematisiert. Das trifft bei Frauen weltweit auf Gehör und sorgt für Empathie. 

Selbstredend gab es davor jedoch Zeiten, in denen Aufklärung betrieben werden musste, durch Beate Uhse zum Beispiel. Oder durch Oswald Kolle und seine Frau! Das waren Revolutionen! Aufklärungsfilme wurden gedreht und gezeigt, Sexphantasien von Frauen in Gedichten und Romanen geschrieben, so zum Beispiel von Verena Stefan, einer Schweizer Schriftstellerin. 1975 legte sie ihren Debütroman „Häutungen“ vor ... Ach, da gäbe es noch so viele Frauen zu nennen, die auf verschiedenen Gebieten Vorreiterinnen und Wegbereiterinnen waren.Interessen anderer Frauen speisten sich aus sozialen und rechtlichen Ungerechtigkeiten des einen Geschlechts über das andere, und ließ Wurzeln gedeihen, die in Flügel umschlugen: Es gab etwas, was sie beflügelte. Und dies trifft sowohl auf Frauen aus allen Lebens- und Schaffensbereichen zu - und natürlich auch auf Männer. Wie bei Peter Pan, der in seiner Phantasiegeschichte zeigt, wie ein guter Gedanke, eine Idee, beflügeln und die Welt verändern kann. Denken wir an Margarete Steiff. Geboren 1847. Da hatten Frauen noch kein Wahlrecht, wie wir wissen. Im Alter von 18 Monaten, erkrankte sie an Fieber und war danach teilweise in den Beinen gelähmt. Später bekam sie die Diagnose Kinderlähmung. Margarete war nicht geimpft. Die Impfung könnte symbolisch als Knopf im Ohr gedeutet werden, wenn man es so symbolisch analog verstehen möchte.



SIE HATTE EINE GUTE IDEE! EINEN HERZENSWUNSCH!


Als bedauernswerte, nichtsnutzige Tochter aufwachsen und so behandelt werden, wollte sie nicht. Ihr Bruder liebte sie abgöttisch und half ihr, wo er konnte. Er trug sie auf dem Rücken, wohin sie wollte. Sie nähte weiße Elefanten, die Nadeln hüteten, und später, Teddys mit der Hand. Wie waren diese Teddys, abgesehen davon, das sie niedlich waren, beschaffen? Steif! Sie waren steif. Die Gliedmaßen ließen sich herauf und herunter bewegen. Und sie bekamen ein Markenzeichen: Ein Knopf im Ohr war von fortan das Warenzeichen ihrer Tiere für Kinder. Das Handicap von Margarete spiegelt sich in gewisser Hinsicht in dem wieder, was sie schuf. Ein Selbstheilungsversuch par excellence! Ein kreativer Ausflug in eine Art Regression, eine zeitweilige Rückkehr auf eine frühere Entwicklungsstufe, die ins Erwachsenenleben transportiert, keineswegs psychoanalytischer Deutung der Infantilität erliegt. Nein! Im Gegenteil zu neuem Sinn und Leben, und vor allen Dingen Tätigkeit durch Margarete erwacht! Margarete wurde streng, ja lieblos gehalten, so will ich es mal aus heutiger Sicht nennen. Ihr fehlte Liebe. Und das, was ihr fehlte, schuf sie im Schmuseteddy, die Kinder auf Anhieb liebten und natürlich haben wollten. Drücken wollten.

1874 baute der Vater das Wohnhaus in eine Schneiderei um. Nach zahllosen - wie soll es auch anders sein - bürokratischen Querelen, rechtlichen Klärungen und emotionalen Kränkungen wurden bis 1907 973.999 Teddys hergestellt. 400 Mitarbeiter und 1800 Heimarbeiter stellten insgesamt ungefähr 1.700.000 Spielartikel her. Am 9. Mai 1909 starb Margarete Steiff im Alter von 61 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung.
Ein körperliches Gegenbeispiel von Margarete Steiff könnte man in Pina Bausch erblicken. Pina, in einer Stadt im Ruhrpott lebend, nämlich Wuppertal, tanzte erst in der Region und dann in der ganzen Welt! Sie holte die Welt, das Leben, das Substantielle auf die Bühne, flösste Totem Leben ein. Sie beseelte Körper, Bedeutung, Dinge, Muster, Lieder, erzählte Geschichten mit Geist durch Bewegung symbolisiert. Sie tanzte. Tanzte. Durch tanzte. Schrecken, Tiefen und Höhen zeigte und löste sie auf durch ihr Verständnis von Tanz und Leben. Einsamkeit, auch Scham und vor allen Dingen Liebe, Ernst und Beziehung choreografierte sie. Und zwar, wie kann es anders sein, mit allen Mitteln! Patchwork. Sie rauchte auf der Bühne. Steht im Tanzrock mit Zigarette am Klavier: Aber bitte, noch nicht gehen...

„WENN SIE SICH EIN GUTES MODEFOTO AUSSERHALB SEINES KONTEXTES ANSCHAUEN, WIRD ES IHNEN GENAUSO VIEL ÜBER DEN ZUSTAND DER WELT VERRATEN WIE EINE ÜBERSCHRIFT DER NEW YORK TIMES“.
Anna Wintour

Pina Bausch  |  Foto © dpa

Vogue-Legende Anna Wintour  |  Foto © dpa

Hildegard Knef 1952  |  Foto © dpa

Sarah Jessica Parker  |  Foto © dpa

Karl und Berta Benz  |  Foto © dpa

Hannelore Ratzeburg, erste DFB-Vorstandsfrau  |  Foto © dpa

NEIN, WIR BLEIBEN SITZEN, PINA.


Coco war Waisenkind, sehnte sich nach Liebe und Anerkennung. Bei ihrer Intelligenz ließ sie sich etwas einfallen. So wurden – bisweilen aus dem Stand – Männerkleider in Frauengewänder verwandelt, Hüte gezaubert oder Reitkleider geschnitten und kreiert. Hildegard Knef scheiterte als Filmschauspielerin und fing, nachdem sie sich seelisch wieder gefunden hatte, an zu singen. Und wie – sie wurde ein Weltstar. Coco, eine ganz ungewöhnliche und kantige Frau, die ihre Interessen nicht aus dem Auge ließ und in ein Imperium verwandelte. Ebenso wie Margarete Steiff zauberte sie aus dem Nichts Großes. Unglaubliches.


MIT FEENSTAUB. HUUHUU! PUSTEN. PÖÖÖH


W ie Rumi, ein persischer Dichter, in seinem Gedichtband „Sieh! Das ist Liebe!“, schon schrieb: Wo den Fuß du hinsetzst, Seele mein, Sproßt Jasmin und Veilchen, Tulpenreih’n; Nimmst ein Stückchen Lehm und bläst darauf: Krähe wird es oder Taube sein! Da sind wir wieder bei den Hexen? Nein. Also, Peter Sloterdijk ebenso wie alte Mythologien wissen, Materie ebenso wie Lehm, wird die Seele eingehaucht. Die griechischen Götter schufen das böse Gegenteil mit der Kiste der Pandora, wir wissen es. Wir bleiben im positiven Feld, auch wenn es heißt, Gott ist ein Mann und der Teufel eine Frau - der Teufel trägt Prada! Oder? Wir sind bei Frauen, die von Männern unheimlich und geheimnisvoll empfunden wurden und werden, weil sie auf eine Art und Weise etwas schufen und schaffen, was Männer völlig fern liegt und lag. Erst nachdem Frauen es aus dem Boden gestampft hatten, setzten sie sich mit hinein. Gut. Heute sagen wir in der Wissenschaft Genderforschung dazu, wenn sich zeigt, wie unterschiedlich Männer und Frauen denken, Dinge tun und konzipieren. Auch Geschäfte gründen. Und arbeiten. Haushalt und Familie in Fluss halten, organisieren! Alles unter einem Dach, aus einer Hand: Das ist Patchwork. Frauen sind Patchwork Meister! Wussten Sie das? Nein! Männer sind es auch! Nur, anders!

Sie gleichen sich allerdings in bestimmten Bereichen wiederum auch an. Da wirkt dann weniger Gender als Intellekt, Werte und politische Meinung! Zum Beispiel, Hanna Arendt in New York, die gebürtig aus Hannover stammt! Realisiert man, dass sie jüdisch war, erschließt sich, weshalb sie in New York lebte und wegen Herrn Hitler geflohen ist. Sie schob mit ihrer Veröffentlichung Verurteilungen von Nazis in Deutschland maßgeblich an. Ihre Arbeit zum Eichmann Prozess hob noch einmal eine charakteristische Eigenschaften von ihr hervor, die da wären: Unnachgiebigkeit, aber auch, Mut und unbestechliche Intelligenz.

Als Journalistin und Philosophin machte sie sich einen Namen. Aber auch andere Wissenschaftlerinnen und Erfinderinnen und rechtlich für Gesetze sorgende Frauen bauten unabhängig voneinander an einer neuen Realität und veränderten die Welt, in der wir heute als Frauen leben und arbeiten. Diese Welt ist unvollkommen, auch wenn Männer gern alles perfekt machen wollen und sie so benennen, wie wir wissen. Frauen sind weder einsilbig, noch einseitig und schon gar nicht beschränkt. Aber sie sind oft bescheiden. Schweigen darüber, was sie können. Natürlich gibt es auch die anderen Frauen, die nehmen, was Männer gemacht haben und sind, und setzen sich hinein, ziehen Titel an und geben Geld aus, gelten dann selbst als „Frau Doktor“ oder „Pioniere“. So wie Bertha Benz 1888 mit ihrer Fernfahrt von Mannheim nach Pforzheim, die Carl Benz nie erlaubt hätte, wie es heißt. Heute schmunzeln wir darüber, über diese bürgerliche Gehorsamkeit und werden blass, wenn wir erfahren, welche Gesetze dahinterstanden: nämlich, wie Frauen sich ihren Ehemännern gegenüber zu verhalten hatten! Und wie auf Einhaltung der ehelichen Pflichten und Gehorsam gedrungen wurde. Für uns ist heute selbstverständlich, wir setzen uns in unser eigenes Auto und brausen los. Fernfahrten sind gar kein Problem. Wir nehmen Flugzeuge. Und wir lassen uns nicht unbedingt reinreden. Nur, wenn Männer klug sind, oder? Man könnte fragen, ob dies der Grund ist, uns also nicht reinreden zu lassen, weshalb Männer so viel Gewalt Frauen gegenüber angewandt haben, und es immer noch tun? 1896 erste Frau mit Abitur? Ja, ist interessant. Einige Mädchen schließen heutzutage mit so einem Schulabschluss ab. Aber, bekommen sie, was sie wollten? Den Job, den sie möchten? Das Geld, was die Männer im gleichen Job bekommen? Nein. Schon gar nicht in Deutschland. Das glaubt man kaum, oder? Ist aber so. Sind Männer denn klüger?

Nein, oftmals auf Niveau der Schulnoten dümmer und fauler als die Mädchen, bekommen sie dennoch die gut dotierten Jobs – allerdings nicht in jedem Bereich. Bestimmte Ausbildungen sind nicht einfach zu toppen. Oftmals bekommen auch sehr gut ausgebildete Jungen keine Topjobs, weil die Wirtschaft nicht richtig tickt. Kairos stellt sich nicht, wie es gewünscht ist, ein. Ist das instinktlos? Ich finde, da sollte mal was nachgestellt werden! Aber nicht jetzt, hier in diesem Heft. Mal sehen, vielleicht in der nächsten Ausgabe von PURE LEBENSLUST?

WO IST DENN NUR DIE BÖSE STIEF-MUTTER GEBLIEBEN?

Warum Märchen neu ausgedacht oder umgeschrieben werden müssen! Stiefkinder oder gar Waisenkinder decken – soziologisch betrachtet – sofort auf, dass eine Familie in die Brüche gegangen oder zerstört worden ist. Das klingt vor allen Dingen in den Ohren der Kinder meist traurig. Wer kennt nicht das doppelte Lottchen, eine filmische Darstellung der Nachkriegsjahre? Hier klingen Gefühle über Trennungen und Begriffe wie Stiefkinder und Waisenkinder an, werden aber geschickt umgelenkt in etwas fast Wünschenswertes.

Nicht ein Lottchen, sondern zwei Kinder spielen die Hauptrolle und nehmen das Drama auf sich, bei nur einem Elternteil aufzuwachsen: sie führen die Eltern schließlich wieder zusammen. Das ist der Klassiker des Wunsches, der in jedem Scheidungs- und Trennungskind lebt. Etwas im eigenen Leben ist nicht so in Ordnung, wie man es – im Vergleich zu ,normalen‘ Familien – gerne hätte. Diskriminierung und Nachteile waren meist eher die Regel als die Ausnahme und fanden in entsprechenden Gesetzen ihren Niederschlag.

Menschen probieren auf zig Arten immer wieder neu, Familien neu zu bilden und zu gestalten. Der Mensch ist ein Gemeinschaftstier. Er will sich zusammenfinden in einer Gruppe von Menschen. Er möchte Sicherheit und Geborgenheit finden. Dieser Wunsch ist meiner Ansicht nach nicht aus dem Leben der Menschen herauszudenken oder einfach zu streichen. Allgemein ist feststellbar, dass es oft zwangsläufig Frauen waren und sind, die durch alle Jahrhunderte und alle Gesellschaftsformen hindurch mit Kindern alleingelassen wurden und werden. Krieg, Nachkriegsjahre, Unfälle, Scheidungen und andere Lebensereignisse – Mama oder Papa verlieben sich in andere Partner oder Mama arbeitet wieder – all das brachte und bringt Trennungen und Scheidungen von Müttern und Vätern hervor. Diese wurden und werden für Kinder zu einer Lebensrealität, die von Eltern und Kindern gemeinsam zu bewältigen war und ist. War die Liebe zu Ende – was in den Jahrhunderten zuvor nebenbei bemerkt kein Grund war, die eheliche Gemeinschaft aufzulösen – war es für Kinder oftmals schwierig, sich an veränderte Lebensmuster zu gewöhnen. Allgemein gilt, dass Partner sich immer dann leichter voneinander trennen konnten, wenn Geld vorhanden war. Das ist bis heute so geblieben. Viele Prominente, die ständig in der Öffentlichkeit stehen, leben Patchwork, und zwar, völlig ungeniert, ohne Schuld und Schamgefühl. Es ist müßig, konkret jemanden aufzuzählen, da jedem entsprechende Menschen einfallen.  Es braucht wiederum ebenso wenig Phantasie, wie einem in der Öffentlichkeit stehenden Menschen einfallen, um sich vorzustellen, welche Dramen sich hinter geschlossenen Vorhängen abspielen. Angesprochen sind hier auch Menschen, die den Drang haben, sich möglichst gut darzustellen. Sie möchten positiv wahrgenommen und gesehen werden, erst recht, wenn sie Patchwork leben! Nicht wenige sind richtig stolz darauf, und dies mit Recht: Denn in der Regel ist viel investiert worden, um das hinzubekommen.

Aufgrund der wachsenden Zahl der nicht mehr ,normalen‘ Beziehungs- und Lebensformen und sicherlich auch aufgrund der Änderungen, die die gesetzlichen und sozialen Rechte von Homosexuellen und homosexuellen Paaren betreffen, hat sich die Sichtweise auf all die Stiefkinder geändert, die einen Elternteil nicht mehr direkt oder überhaupt nicht mehr – ggf. durch Tod des Vaters oder der Mutter – zu ihrem Leben zählen können. All dies trägt heute dazu bei, dass – insgesamt bzw. gesellschaftlich im Großen und Ganzen betrachtet – neben ,normalen‘ Familienstrukturen auch andere akzeptiert oder zumindest nicht direkt diskriminiert werden, wie es in früheren Zeiten im Extrem der Fall war. Seien wir ehrlich: Nirgends läuft es einfach easy und leicht! Seien wir aber auch ehrlich und bestätigen, wenn aus Trennungs- und Scheidungskindern dann Patchwork-Kinder geworden sind. Die Vorteile einer derartigen Metamorphose, dieses sozial-genetischen Auflösungs- und Zusammenführungsprozesses sind folgende: die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen, sich flexibel zu zeigen. Haben die Kinder regelmäßig Kontakt zu beiden Elternteilen, kommen sie wie selbstverständlich in den Genuss zweier meist vollkommen unterschiedlicher Lebensstile mit gänzlich verschiedlichen Inhalten und bewussten Arten, das Leben zu sehen, die Welt zu erleben, zu erfahren, zu befliegen und an bestimmten Orten zu sein, zu verweilen und zu leben. Zeigte ich mich besorgt, so sagte meine Tochter nicht selten: Mami, ich habe alles doppelt! Was soll mir denn fehlen? Bleib’ mal ganz cool! Mami!

Die nachfolgenden Interviews zeigen beispielhaft, wie Frau und Mann heutzutage mit Kindern entweder ,like Patchwork Art‘ neue Formen von Familie bilden und leben oder aber alleinerziehend ein Leben mit ihren Kindern gestalten. Dabei kommen auch die teilweise sehr unterschiedlichen Ausgangspositionen zur Sprache, die durch Geld und Gesetz und ganz sicher auch dadurch geformt werden, ob Unterstützung und guter Wille vorhanden ist.

PATCHWORK IN ZAHLEN
13,6 % der Haushalte in Deutschland mit Kindern unter 18 Jahren sind Stieffamilien; 10,9 % der Kinder unter 18 Jahren leben in Stieffamilien. Die Stieffamilie ist damit nach der Kernfamilie und der Ein-Eltern-Familie der drittäufigste Familientyp. Alleinerziehende mit Kindern unter 18 Jaren sind mit einem Anteil von 16 % vertreten.